Sella Ronda mit dem eMTB – Meine Tour im August 2020

Vor gut einem Jahr hörte ich, dass man die Sella Ronda auch im Sommer mit dem Mountainbike fahren kann. Seitdem steht die Tour ganz oben auf meiner Prioritätenliste. Als Skifahrer begeistert mich die Sella Ronda seit knapp 40 Jahren. Heute will ich die Tour auch im Sommer mit dem Rad erleben und näher kennen.

Von München nach Wolkenstein

Es ist Donnerstag, der 20. August 2020. Für Freitag sind in München Temperaturen deutlich über 30 Grad vorhergesagt. Schon allein die Hitze ist ein Grund für sich, aus der Stadt in die Berge zu flüchten. Die Vorhersage könnte nicht besser sein: sonnig, wolkenlos, 20 – 25 Grad. Perfekt. Ich buche mir spontan eine der zur Hauptsaison raren Unterkünfte im Grödner Tal und fahre am Freitagmorgen gegen sechs Uhr in München los nach Wolkenstein.

Ticketbüro in Wolkenstein an der Ciampinoibahn (Foto: Hanns Gröner)

Nach einer kurzen Tankpause in Innsbruck-Ost (Jet nahe der Autobahn gelegen) und einem obligatorischen Cappuccino an der Raststätte kurz nach Sterzing erreiche ich gegen zehn Uhr das Ticketbüro in Wolkenstein. Hier kaufe eine Tageskarte „DolomitiSupersummer“ (47 Euro) und entscheide mich für die orangene Variante im Uhrzeigersinn. Insgesamt sind für die rund 60 Kilometer sieben Bergfahrten mit Seilbahn oder Sessellif vorgesehen. Einzelfahrten wären deutlich teurer.

Tipp: unbedingt den Faltplan der Sella Ronda mitnehmen. Dieser zeigt nicht nur die Streckenverläufe sondern gibt hilfreiche Informationen über Höhenmeter und Entfernungen.

Von der Ticketkasse fahre ich mit dem Auto weiter zur Talstation des Dantercepies. Hier kann man – als Inhaber einer Liftkarte – im Sommer kostenlos die Tiefgarage nutzen. Im Hinblick auf die mit etwa 60 Kilometern dorch recht lange Strecke und die Tatsache, dass ich diese zum ersten Mal fahre, entscheide ich mich für das eBike und lasse das „normale“ Mountainbike auf dem Fahrradträger. Los geht’s!


Die gesamte Tour

So sieht die Strecke aus – Tourverlauf im Uhrzeigersinn und das entsprechende Höhenprofil. Ihr erhaltet es an der Ticketkasse. Unbedingt mitnehmen!

Streckenübersicht aus dem Faltplan 2020
Höhenprofil aus dem Faltplan 2020

Zum Dantercepies

Talstation Dantercepies in Wolkenstein im August 2020 (Foto: Hanns Gröner)

Ich verlasse das Parkhaus mit dem Rad und fahre die ersten Meter hinauf zum Einstieg. Es ist für mich eine Premiere: das Rad mit der Seilbahn auf den Berg zu transportieren. Und dann auch noch ein eBike! Ein Sakrileg. Geht gar nicht. Ein Shitstorm ist mir sicher und die Kommentare aus der WhatsApp-Gruppe lassen tatsächlich nicht lange auf sich warten. Ist mir egal – ich weiß warum ich was mache und wer immer auf die Meinung anderer hört … aber lassen wir das hier (obwohl Rad und eBike am Berg sicher ein echtes und wichtiges Thema ist bzw. noch werden dürfte).

In der Tat mutet es auf den ersten Blick erstaunlich an, warum man eine Seilbahn braucht, wenn man ohnehin schon mit Motor unterwegs ist. Fakt ist: auch mit Motorunterstützung kostet das Bergfahren Kraft und Ausdauer. Aber etwas weniger. Dafür kann man längere Distanzen an einem Tag zurücklegen und fährt damit mehr. Das kann sich in etwa ausgleichen. Die rund 60 Kilometer und zahlreichen Anstiege der Sella Ronda im Uhrzeigersinn wären ohne die sieben Lifttransporte an einem Tag kaum zu schaffen. Außer man bliebe auf der Straße und lässt die Anstiege auf den Col Alt, Porta Vescovo und Col Rodella aus. Dies entspräche auch nicht der noch recht jungen MTB Tour sondern eher der schon seit jeher gefahrenen Straßentour. Die 400 Höhenmeter dieser Variante wären für sich genommen und für fitte Fahrer tatsächlich eher kein Grund für den elektrischen Rückenwind.

Vom Dantercepies nach Corvara

Der Charakter der orangenen Tour eignet sich eher für Action suchende. Insgesamt fährt man rund 4.000 zum Teil recht steile Höhenmeter „downhill“. Klasse für die, die das mögen.

Da auch das Bergabfahren ordentlich Kraft, Ausdauer und Koordination kostet, ist auch diese Variante der Sella Ronda eine sportliche Herausforderung! Man sollte die Tour auf keinen Fall unterschätzen. Weder zeitlich noch was die Fitness angeht. Da ich die Tour zum ersten Mal fahre, war klar, dass ich zusätzliche Zeit für zahlreiche Fotostopps benötigen werde. Da bietet mir das bergauf doch deutlich schnellere eMTB große Vorteile.

Sella Ronda mit dem eBike – Blick von der Bergstation Dantercepies Richtung Corvara (Foto: Hanns Gröner)

Die Landschaft bei diesen Sicht- und Wetterbedingungen ist ein Traum. Bevor ich mich in das Abenteuer bergab stürze, genieße ich den Blick Richtung Corvara mit der Fanesgruppe sowie den Langkofen auf der anderen Seite. Immer wieder toll dieses Panorama.

Blick vom Dantercepies auf den Langkofel (Foto: Hanns Gröner)

Inzwischen ist es elf Uhr. Ich weiß zu diesem Zeitpunkt nicht, ob ich die Tour komplett schaffen werde, unterwegs abkürzen oder sogar umkehren muss. Jedenfalls versichere ich mich, dass man im Notfall auch in der Gegenrichtung von Corvara zum Grödner Tal eine Liftverbindung hat. Passt.

Andererseits ist August und zu dieser Jahreszeit viel länger hell. Damit sollte es auch dann kein Problem geben, wenn ich den letzten Pass erst um 18 Uhr oder später erreiche. Nur werde ich dann eben in die Pedale treten um per Rad das Sellajoch zu erreichen. Denn auch im Sommer fahren die Bahnen nur bis etwa 17 Uhr.

Jetzt aber los und hinein ins Radvergnügen am Grödnerjoch. Dieses erreiche ich kurz nach der Abfahrt von der Bergstation.

Link zum Tourabschnitt in Outdooractive mit einem etwas anderem Streckenverlauf.


Ich starte kurz vor elf Uhr auf einer Höhe von 2.286 m (Bergstation) und fahre auf eher einfach zu fahrenden Trails (S1) und der Passstraße hinunter nach Corvara. Für die ca. 10 km bis zur Col Alt Bahn brauche ich eine gute halbe Stunde – inklusive Fotostopps.

Wegweiser der Sella Ronda in Alta Badia (Foto: Hanns Gröner)

Ein Wort zur Beschilderung der Route: Ja, es gibt immer wieder mal Schilder, die den Weg der Tour anzeigen. Aber ich treffe auch immer wieder Radler, die sich an Weggabelungen ebenfalls fragen, wo es denn nun genau weiter geht. Da man nicht immer den Überblick die Wege und ihren weiteren Verlauf hat, ist es manchmal nicht so einfach herauszufinden, ob ich noch auf dem gewünschten Weg bin oder nicht. Auf der Skipiste ist das deutlich einfacher und klarer.

Die Sella Ronda im Sommer mit dem eMTG – Liftstation nahe Kolfuschg (Foto: Hanns Gröner)

Tipp: bereits im Vorfeld die Karten unterschiedlicher Anbieter studieren. Hilfreich sind die Karten der Streckenbetreiber sowie die der Outdoor Kartendienste wie z. B. Komoot oder Outdooractive.


Von Corvara über die Prolongiahütte zum Campolongopass

Vorbei an der Boébahn halte ich mich links in Richtung Ortszentrum und finde den schmalen Weg zur Talstation der Col Alt Bahn. Anders als im Winter, fährt man nämlich nicht rechts der Passstraße mit der Boébahn Richtung Campolongopass sondern über die weiten Wiesen auf der gegenüber liegenden Seite und die Prolongia.

Diese Variante lässt sich zwar im Winter auch fahren, sie nimmt aber wesentlich mehr Zeit in Anspruch und ist wegen der vielen blauen Abfahrten sportlich eher weniger attraktiv. Im Sommer hat diese Landschaft allerdings ihren ganz besonderen Reiz.

Von der Bergstation des Col Alt erreiche ich nach wenigen hundert Metern bergab den Sessellift Braia Fraida und mit diesem eine Höhe von 2.023 Metern. Von hier eröffnet sich die Weite des Skigebietes zwischen St. Kassian, Corvara und Pralongia. Ein wahres Paradies für Wanderer und Familien.

Eine zweite Premiere heute für mich: die Mitnahme meines Bikes im Sessellift. Das Rad wird vom freundlichen Liftpersonal einfach an einen Haken rechts der Sessel gehängt. Praktisch. So kann man das herrliche Panorama auf die gegenüberliegende Fanesgruppe und den Lagazuoi.

Als ich die Bergstation erreiche ist es inzwischen kurz vor zwölf Uhr. Auf meist breiten Wegen fahre ich weiter Richtung Pralongia. Auf einer Länge von rund 7 Kilometern muss man den größten Teil der für die gesamte Tour angegebenen 440 Höhenmetern überwinden. Mit dem eMTB ist das recht einfach und man kommt zügig voran. Hier sind zahlreiche Wanderer und Familien mit kleineren und größeren Kindern unterwegs. Da gilt es vorsichtig zu fahren und Rücksicht zu nehmen.

Sella Ronda mit dem eBike (Foto: Hanns Gröner)
Sella Ronda mit dem eBike – Pralongiahütte (Foto: Hanns Gröner)

Die Pralongia Hütte (2.109 m) erreiche ich kurz vor halb eins. Etwa 17 von 60 Kilometern liegen hinter mir. Da erübrigt sich die Frage nach einer Einkehr und ich fahre weiter in Richtung Campolongopass zur Talstation des Bec de Roces Liftes. Auch kurz nach der Hütte stellt sich die Frage (mangels gefundener Ausschilderung), ob ich auf dem richtigen Weg bin. Auch ein anderer Biker war sich nicht ganz sicher und so folgten wir einem Blick auf die Karte un der inneren Eingebung (mit Erfolg).

Gegen 13 Uhr erreiche ich den Bec de Roces Lift am Campolongo Pass (1.875 m). Hier überlege ich, ob es nicht eine Alternative wäre, über die Passstraßen hinunter nach Arabba zu fahren. Damit könnte ich den Trail zwischen Bec de Roces und Arabba umgehen und eventuell Zeit einsparen. Zudem emfinde ich Straßenabschnitte zwischendurch als angenehme Abwechslung zu den Trails. Da ich nicht einschätzen kann, ob am Ende der Passstraße vor Arabba ein größerer Anstieg mit weiterem Zeitverlust zu bewältigen ist, entscheide ich mich für die Variante mit dem Sessellift. Ab mit dem Rad an den Haken!


Vom Campolongopass über Arabba zur Porta Vescovo

Für die Fahrt von der Bergstation (2.083m) hinunter nach Arabba (1.602m) brauche ich etwa 20 Minuten. An der Bergstation der Sesselbahn genieße ich den Ausblick auf die Porta Vescovo und die dahinter liegende Marmolada und fahre über Trails und Wiesenabschnitte hinunter nach Arabba.

Im Ort angekommen sehe ich, dass der Anstieg zwischen dem Ende der Passstraße und Arabba eher kurz ausfällt und eine echte Alternative gewesen wäre. Zumal ein Anstieg mit dem eMTB wohl wenig anstrengend und ohne Zeitverlust ausfallen dürfte. Bergabfahren fordert dem Biker da schon mehr ab!

Sella Ronda mit dem eBike (Foto: Hanns Gröner)
Sella Ronda mit dem eBike – Arabba im August 2020 (Foto: Hanns Gröner)

In Arabba habe ich knapp 30 Kilometer und damit fast die Hälfte der Strecke hinter mir. Und auch die zu fahrenden Höhenmeter sind bereits bewältigt. Da sollte eine Rast mit Stärkung zeitlich drin sein. Ich entscheide mich für eine Pause an der Gipfelstation der Porta Vescovo. Diese erreiche ich wieder bequem mit der Großraumgondel, die mich und wenige weitere Fahrgäste (zum Teil mit Bikes) in wenigen Minuten auf 2.485 m bringt. Toll: auch in der absoluten Hauptsaison gibt es keine Wartezeiten. Einfach das Rad in die Großkabine schieben, verstauen und warten bis die Gondel voll ist. Ach ja: Mund-Nasenschutz ist Pflicht!

Die Porta Vescovo ist eines der vielen Highlights in den Dolomiten. Im Sommer wie im Winter. Man verlässt die Gondel und hat einen überwältigen Blick auf die Königin der Dolomiten: die Marmolada. Wow. Sie scheint zum Greifen nah.

Blick auf die Marmolada von der Bergstation der Porta Vescovo (Foto: Hanns Gröner)

Es ist nun etwa 13:30 Uhr. Im Gipfelrestaurant esse ich zu Mittag. Tagliatelle mit Rehragout, großes Wasser und Cappuccino. Fein! Zeit auch die Tourinformationen zu studieren und festzustellen, dass auf der kommenden Abfahrt zur Fodombahn die Hälfte der Strecke erreicht ist. Gut, im Sommer ist es lange hell, da fährt man nicht schon um 17 Uhr in die Dunkelheit hinein und so sollte es kein Problem sein, die Gondel in Campitello vor Betriebsschluss zu erreichen.


Von der Porta Vescovo zum Pordoijoch

Die Abfahrt hinab sollte meinen Plan verändern. Aber dazu gleich mehr. Der Einstieg in die Abfahrt ab der Gipfelstation ist im Winter eine schwarze Piste. Wie übrigens viele der Abfahrten über die Nordhänge der Porta Vescovo.

Deshalb und wegen seiner schneesicheren Nordhängen ist diese Region bei guten Skifahrern auch sehr beliebt. Was für mich als Skifahrer paradiesisch anmutet, erlebe ich auf dem schweren eMTB als Herausforderung.

Bevor es richtig los geht, schnell noch ein paar Fotos! Zu schön ist der Ausblick von hier oben. Auf Schotter geht es hinunter zur Bergstation der Carpazza Sesselbahn (im Sommer nicht im Betrieb). Von hier quert man hinüber Richtung Fodombahn.

Es ist kurz vor 15:00 Uhr als mir eine etwas enge Kurve mit steiler Ausfahrt zum Verhängnis wird. Ich versuche die Herausforderung durch langsames Fahren zu meistern. Aber das geht schief und ich rutsche aus. Das Ergebnis sind Schürfwunden an Unterschenkel und Unterarm sowie an dem einen oder anderen Finger der linken Hand. Diese und leichte Schmerzen nehmen mir ein Stück weit den Spaß am Rest der Tour. Vor allem habe ich nun zunehmenden Respekt vor Schotter und steilen Trails. Und: rund 30 km und damit die Hälfte der Tour liegen noch vor mir!

Sella Ronda mit dem eBike (Foto: Hanns Gröner)
Sella Ronda mit dem eBike – Sturzstelle (Foto: Hanns Gröner)

Solche Erfahrungen machen mich natürlich auch selbstkritisch. Besseres Training, mehr Fahrkönnen und bessere Schutzkleidung wären vielleicht hilfreich gewesen. Eventuell auch eine Grundvoraussetzung für weitere Erlebnisse wie dieses. Ob dadurch allerdings der Mut anwächst, in ein steiles Stück geradeaus bergab einzufahren? Ich weiß es heute nicht. Wenn ich mir die Videos von echten eMTB Cracks ansehe, ist bis dahin ein weiter Weg. Ein sehr weiter. Eher ein Projekt für’s nächste Leben. Man muss mit 50 ja nicht mehr alles machen. Vielleicht genügt besseres Kartenstudieren im Vorfeld zusammen mit entsprechender Kleidung ja schon. Ich werde sehen.

Auf der Weiterfahrt gilt es erneut eine Entscheidung zu treffen: in den Trail (S1 Alpenrose) einfahren oder auf dem breiteren Schotterweg bleiben? Nach der soeben gemachten Erfahrung bleibe ich auf dem Weg. Zu riskant erscheint es mir nochmal auf ein steiles Schotterstück zu gelangen.

Toll wäre auch hier ein Wegweiser oder eine Tourbeschreibung, dass man auch über diesen Ausweichweg die Seilbahnstation Fodoom erreicht. Die blaue Variante alternativ zum Trail sozusagen. Ein anderer Biker steht an dieser Stelle vor derselben Frage. Ähnlich wie im Winter wäre eine entsprechende Beschilderung eine gute Lösung.

Talstation Fodom Bahn zwischen Arabba und Pordoi im August 2020 (Foto: Hanns Gröner)

Nach wenigen hundert Metern erreiche ich die Passstraße (Pordoi) und fahre hinunter zur Liftstation (1.857 m). Hier trage ich etwas Desinfektionsmittel auf (vielen Dank an das Bahnpersonal!) und fahre hinauf zum Pordoijoch. Die Fotodichte nimmt ab nun übrigens merklich ab. Denn auch die Smartphonehalterung hat etwas Schaden genommen, das Handy (zuglich der Fotoapparat) hängt an der Powerbank und so ist alles entwas umständlich. Hinzu kommt der zu dieser Zeit (August = Hochsaison) doch recht „sportliche“ Verkehr auf den Passstraßen vom Pordoi- hinüber zum Sellajoch. Hier kommt einiges zusammen: Autofahrer, die eng an den Radlern mit wenig Ab- und Anstand vorbeifahren, Motorradfahrer sowie Renn- oder Mountainbikefahrer (mit und ohne „e“).

Sella Ronda mit dem eBike (Foto: Hanns Gröner)
Sella Ronda mit dem eBike – am Pordoijoch (Foto: Hanns Gröner)

Tipp: wer Zeit hat, kann vom Pordoijoch einen Abstecher mit der Seilbahn auf den Sass Pordoi machen und wunderbare Ausblicke genießen. Ich kenne diesen bislang nur im Winter. Und heute fehlt mir leider die Zeit. Aber ich habe einen Grund mehr wieder zu kommen.


Vom Pordoi zum Sellajoch

In mir macht sich eine „Trails-Nein-Danke-Haltung“ immer breiter. Diese veranlasst mich nach Alternativen zu suchen. Der doch recht weite Weg hinunter nach Campitello führt über Trails oder alternativ über die Passstraße. Aber auch von der Bergstation des Col Rodella (2.396 m) hinab nach Wolkenstein würden mich sicher Schotterwege und Trails erwarten und diese sind – ich wiederhole mich – heute definitiv nicht mehr meine Sache.

Es gäbe noch ein andere Alternative, nämlich die Pradel Bahn vom Pian de Frataces hinauf Richtung Sellajoch zu nehmen. Diese ist im Sommer zwar kein „offzieller“ Teil der Sella Runde (im Winter schon) aber man kann auch hier das Fahrrad mit in die Gondel nehmen. Ich entscheide mich dennoch dagegen, da ich nicht einschätzen kann, ob und wie die Verbindung von dort oben hinüber Richtung Sellajoch bzw. zum Hotel Passo Sella ist. Es kommt durchaus vor, dass es Wege gibt, die für Wanderer aber nicht für Mountainbiker gemacht sind. Dieses Risiko will ich nicht mehr eingehen.

Sellapassstraße südlich der Passhöhe

Ich entscheide mich also für‘s Strampeln und erreiche nach 11 Kehren und gut 30 Minuten Bergaufradeln gegen 16:30 das Sellajoch. Ein weiteres Wow. Der Blick hier oben auf Platt- und Langkofel ist spektakulär. Auch hier oben sowie etwas weiter unten beim Hotel Passo Sella ergibt sich ein ähnliches Bild wie am Pordoijoch: Wanderer, Motorradfahrer, zahlreiche Autos wohin das Auge reicht. Es hat ein bisschen was von Massentourismus in den Bergen. Nun verstehe ich den Hinweis in der Südtiroler Urlaubsfibel: beste Reisezeit für Radler sind die Monate Mai bis Anfang Juli und September bis Mitte Oktober. Gut, das für‘s nächste Mal zu wissen.

Mein Tipp für diejenigen, die Zeit haben, früher dran sind oder eine Wanderung ab der Langkofelscharte planen: im Sommer ist die Seilbahn hinauf zur Scharte in Betrieb (im Winter inzwischen nicht mehr). Etwas versteckt kann man die Gondeln im Bild oben erkennen.


Vom Sellajoch nach Wolkenstein

Auch hier der „Winter-Sommer-Memory-Effekt“: Vom Hotel Passo Sella führt im Winter eine bequem zu fahrende Abfahrt hinunter nach Plan de Gralba und von dort weiter nach Wolkenstein. Man fährt sie quasi im Automatikmodus. So, meine Annahme, wird es auch im Sommer möglich sein, eine sanft dahin gleitende Abfahrt entlang der Sellagruppe entspannt zu genießen. So ist es aber nicht. Der Weg ist deutlich schmaler als die winterliche Skipiste und so Wanderern vorbehalten. Bikes not welcome. Das gilt es zu respektieren. Biker nerven Wanderer und nehmen ihnen die Ruhe. Also suche ich eine Alternative und entscheide mich wieder für die mäßig geneigte und gut zu fahrende Passstraße hinab nach Plan de Gralba.

Sella Ronda mit dem eBike (Foto: Hanns Gröner)
Sella Ronda mit dem eBike (Foto: Hanns Gröner)

Unschön aber ich muss es einfach aussprechen weil ich es für ein No-go halte! Ein im Deutschland Trikot gekleideter, erkennbar sehr sportlicher Rennradfahrer, den ich zuvor ein bis zwei Mal mit großem Abstand auf der Passstraße überholt hatte, fährt an mir vorbei und entleert genau auf meiner Höhe seinen „Naseninhalt im Sportlermodus“. Zufall oder nicht – ich kann es nicht sagen, ob dies Absicht war oder nicht. Coronaetikette jedenfalls geht anders und beim Vorbeifahren fallen einem andere Verkehrsteilnehmer üblicherweise auf. Bei allem Respekt vor dem Leistungssport – die Straßen und Wege gehören allen. Die unterschiedlichen Geschwindigkeiten werden wir – bergauf und bergab – gemeinsam meistern müssen. Ekelhaft und nicht nur in Coronazeiten respektlos ein solches Verhalten. Von der Veröffentlichung eines Foto des Fahrers sehe ich ab.

Sella Ronda mit dem eBike (Foto: Hanns Gröner)
Sella Ronda mit dem eBike – zwischen Plan de Gralba und Wolkenstein (Foto: Hanns Gröner)

Ich fahre weiter nach Wolkenstein. Neue Stelle, neues Glück. Auch hier bei der Einfahrt auf den letzten Wegabschnitt gilt es eine Entscheidung für oder gegen den Trail beziehungsweise die Passstraße zu treffen. In der Annahme (und meiner winterlichen Erfahrung), das Stück sei nicht lang und ebenfalls eher flach, entscheide ich mich nun doch für den Trail. Das Anfangsstück ist allerdings tatsächlich etwas steil aber recht gut zu fahren. Danach kann man die Tour – wie im Winter – auf ebenen Wegen vorbei an Hotels und Pensionen am südöstlichen Ortsrand von Wolkenstein ausklingen lassen.

Wolkenstein im August 2020 aus Plan de Gralba kommend (Foto: Hanns Gröner)

Geschafft – ich bin zurück in Wolkenstein. Es ist 17 Uhr. Sieben Stunden packender Bergerlebnisse liegen hinter mir. Sonne, angenehme Temperaturen in allen Höhenlagen, wolkenloser Himmel aber auch Anstrengung in Oberkörper, Kopf und Beinen. Nun noch die letzten paar hunder Meter hinauf zur Talstation des Dantercepies und die Tour ist beendet.

Blick auf Wolkenstein vom Dantercepies im August 2020 (Foto: Hanns Gröner)

Fazit

Hinter mir liegt ein fantastisches Wochenende. Sturzbedingt hat sich der sportliche Teil auf nur einen Tag Bergradeln beschränkt. Geplant war ursprünglich ein Tag mit dem eMTB und ein Tag mit dem MTB. Dazu kam es wie beschrieben leider nicht. Aber dennoch bin ich der städtischen Hitze (über 30 Grad) erfolgreich entkommen und hatte Traumwetter in den Bergen. Gewitter und Regenbogen inklusive.

Die Dolomiten spielen in der Championsleague der Bergregionen. Die Gründe weshalb Teile dieser Region zum UNESCO Welterbe zählen, sind vielerorts sichtbar und erlebbar. Im Sommer wie im Winter komme ich immer wieder gerne hier her. Egal wohin – es gibt so viele schöne Ecken, da kann man nicht flexibel genug in der Wahl des Ortes sein.

Bergradeln, eBikefahren, Radwandern – wie auch immer man es nennt und wie jeder diesen Sport für sich selbst erschließt: wer sich darauf einlässt kann faszinierende Erlebnisse und Erinnerungen mit nach Hause nehmen.

Entscheidende Faktoren für den Spaß am Bergradeln sind das passende Sportgeräte inklusive entsprechender Kleidung sowie den eigenen Bedürfnissen entsprechender Wege und Geländeeigenschaften.


Zahlen & Fakten

Anfahrt nach Wolkenstein

  • Tour gefahren am Freitag, den 21. August 2020
  • Entfernung München – Wolkenstein 280km
  • Günstig tanken bei Jet in Innsbruck-Ost: Diesel 1 Liter = 1,038 Euro
  • Maut Brennerautobahn (A) = 10,00 Euro
  • Tagesticket Dolomiti SuperSummer: 47 Euro
  • Bike CubeReaction Hybrid Race 500 (Kauf 2018)

Sella Ronda im Uhzeigersinn

(abgekürzte Tour)

  • Gefahrene Zeit: 1:56:05*
  • Distanz 36,93 km*
  • Höhe 3.132 m*

Garmin Original Datenübersicht* (Link)


Links

Offizielle Homepage der Sellaronda


Tipps

Die Tour richtig einschätzen:

Es macht einen großen Unterschied, ob man die Sella Ronda im Winter oder im Sommer fährt – und ob man die Tour im Uhrzeigersinn oder entgegengesetzt wählt!

Die Beschilderung im Winter ist wesentlich weiter entwickelt als im Sommer. Die benötigte Zeit variiert erheblich. Sportliche Fahrer können die Tour vielleicht in fünf Stunden fahren während Genießer eher neun einplanen sollten – inklusive Fotostopps.

Die Strecke im Uhrzeigersinn hat eine andere Charakteristik (eher downhill und Fun orientiert mit weniger Höhenmetern bergauf) als die Gegenrichtung (längere Anstiege).

Die Tourenplaner von Komoot oder Outdooractive sind kostenlose Planungshilfen. Achtet auf die Strecken im Detail, diese Variieren durchaus!

Auf allen Streckenabschnitten ist es möglich, die Tour über die asphaltierten und gut ausgebauten Passstraßen abzukürzen bzw. abschnittsweise zu fahren. Das kann im Fall von Zeitverlusten durchaus hilfreich sein. Einzig wird man in die Pedale treten müssen um die nächste Passhöhe zu erreichen.

Die Tour ist grundsätzlich nur geübten Fahrern zu empfehlen.

Sich selbst richtig einschätzen:

Im Breitensport keine so einfache Sache. Das sieht man auch im Winter, wenn wenig geübte Fahrer deutlich zu schnell unterwegs sind. Oft geht es ja gut. Und das gilt sicher auch für Bergradler, die hier und da Glück haben, dass sie nicht stürzen oder vielfach eher zu langsam sind gemessen an dem, was Berg und Rad hergeben würden. Lerne Dich und Dein Bike kennen. Und lerne den Unterschied zwischen eBike und normalem Mountainbike. Traktion, Schwerpunkt etc. – vieles ist anders. Ich werde mir hierzu ebenfalls noch Tipps von erfahrenen Bikern einholen. Da ich sowohl ein klassisches als auch ein eMTB dabei habe, hätte ich mich auch für das MTB entscheiden können. Habe ich aber nicht – und ob es die bessere Entscheidung gewesen wäre? Ich weiß es nicht. Also dran bleiben und weiter lernen.

Ausrüstung:

Handschuhe für die ganze Hand mit Schutz für die Finger sind Pflicht. Ebenso ein guter Helm. Weitere Schutzkleidung scheint hilfreich wenn man sieht, dass viele Stürze ohne Knochenbrüche aber mit schmerzhaften Abschürfungen abgehen. Wer gut gekleidet ist, fährt nach einem Sturz oft einfach weiter. Auch gutes Kartenmaterial ist sehr hilfreich. In den Bergen sind die Wege meist sehr gut für Wanderer ausgeschildert – nicht aber für Radfahrer. Wenn man in die Dunkelheit hineinfährt, sollte man ein Licht dabei haben.


Danke

An meinen Schutzengel, dass der Sturz glimpflich verlaufen ist.


*die Daten wurden von der Garmin Vivoactive 4 als Aktivität „Skifahren“ aufgezeichnet und bereitgestellt (trotz Eingabe „Radfahren“).

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